01.07.2016 - Interview: Nur Bares ist Wahres?


Bargeld ist der Deutschen liebstes Zahlungsmittel – aber wie lange noch?

Jochen Honikel, Präsident des Arbeitgeberverbands des hessischen Handwerks, im Gespräch mit Diana Rutzka-Hascher, Präsidentin der Hauptverwaltung in Hessen der Deutschen Bundesbank.

Die Deutsche Bundesbank ist als Teil des Eurosystems mitverantwortlich für die Geldwertstabilität im Euroraum. Mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) teilt sie sich die Zuständigkeit für die Aufsicht über die kleinen und mittelgroßen Banken in Deutschland. Sie verwaltet die deutschen Währungsreserven und versorgt die Wirtschaft mit Bargeld. Gerade diese letztgenannte Aufgabe hat Auswirkungen auf alle Wirtschaftszweige in Deutschland – besonders auch auf das Handwerk.

Honikel: Frau Rutzka-Hascher, der 500-Euro-Schein wird ab 2018 nicht mehr gedruckt. Was bedeutet das für einen Erben, der danach Bares auf dem Dachboden findet?

Rutzka-Hascher: Der Erbe muss sich keine Sorgen machen. Die 500-Euro-Banknote bleibt auch nach 2018 gesetzliches Zahlungsmittel und kann in den Filialen der Deutschen Bundesbank zeitlich unbegrenzt umgetauscht werden.

Honikel: Ist es richtig, dass immer weniger Banknoten im Umlauf sind?

Rutzka-Hascher: So ist die allgemeine Wahrnehmung, aber der Eindruck täuscht. Seit 2002 hat sich der Gesamtwert aller ausgegebenen Euro-Banknoten auf zuletzt 1.070 Mrd. € beinahe verfünffacht. Und noch immer werden ja hierzulande fast 80 % aller Transaktionen mit Bargeld erledigt, wenngleich dieser Anteil leicht rückläufig ist.

Honikel: Wieviel Euro-Bargeld horten die Deutschen zuhause?

Rutzka-Hascher: Vom gesamten Euro-Banknotenumlauf wurde über die Hälfte, das entspricht etwa 550 Mrd. Euro, durch die Bundesbank ausgegeben. Dieses Geld befindet sich aber nicht komplett bei den Deutschen unter der Matratze oder im Portemonnaie. In letzterem führen diese übrigens durchschnittlich 103 € mit sich.  Etwa 70 Prozent des Bargeldumlaufs sind nach Schätzungen der Bundesbank ins Ausland geflossen, sei es durch Reiseausgaben, den internationalen Sortenhandel oder Bargeldmitnahmen ausländischer Arbeitnehmer. 20 Prozent des deutschen Banknotenumlaufs werden schätzungsweise im Inland gehortet, also zuhause oder auch in Bankschließfächern. Und nur 10 Prozent werden für Einkäufe im Inland verwendet. Die Bedeutung des Bargelds beruht also nicht nur auf der Eigenschaft als Zahlungsmittel, sondern auch als Wertaufbewahrungsmittel.      

Honikel: Aus welchen Gründen halten gerade Nicht-EU-Ausländer große Mengen an Euro-Bargeld vor?

Rutzka-Hascher: Vor allem weil es den Inflationsschutz einer wertstabilen Währung bietet. Die jährliche Inflationsrate im Euroraum betrug seit dem Jahr 2002 durchschnittlich  gerade einmal 1,7  Prozent. Im gleichen Zeitraum lag der durchschnittliche Kaufkraftverlust in den USA und Großbritannien bei  jeweils über 2 % und beispielweise in Russland bei über 10 Prozent pro Jahr.

Honikel: Das Bundesfinanzministerium hat eine Bargeld-Obergrenze von 5.000,- € ins Spiel gebracht. Das wiederum hat eine Diskussion über die Abschaffung des Bargeldes ausgelöst. Welche Auffassung vertritt die Bundesbank zu diesem Thema?

Rutzka-Hascher: Eine mögliche Bargeldobergrenze soll den Terrorismus und die Schattenwirtschaft erschweren. Uns sind aber keine Studien bekannt, die eindeutig belegen, dass mit Bargeldbeschränkungen die organisierte Kriminalität, Steuerhinterziehung und der internationale Terrorismus tatsächlich wirksam bekämpft werden. Deshalb darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass sich hinter der Debatte um die Bekämpfung der Geldwäsche der erste Schritt zur Abschaffung des Bargelds verbirgt. Der EZB-Rat hat dies in seiner Entscheidung für den Ausgabestopp der 500-Euro-Note explizit noch einmal bekräftigt. In der ganzen Debatte sollte man auch nicht vergessen, dass nur das Bargeld es seinem Verwender erlaubt, sein Recht auf informationelle Selbstbestimmung im Zahlungsverkehr auszuüben.

Honikel: Der elektronische Zahlungsverkehr wird dennoch weiter voranschreiten. Welche Risiken sehen Sie?

Rutzka-Hascher: Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass die Nutzung von Bargeld tendenziell abnimmt. Neben der Zahlungskarte werden Smartphone und möglicherweise heute noch unbekannte Formen eine immer größere Rolle spielen. Das Bezahlen von Waren oder Dienstleistungen ist dann nur noch einen Klick entfernt. Hinsichtlich der Risiken wird man auf die Sicherheit und die Integrität der digitalen Systeme achten und den Datenschutz im Auge haben müssen. Die Bundesbank beschäftigt sich schon jetzt eingehend mit den neuen Technologien und analysiert gründlich deren Leistungsfähigkeit und Risiken.

Honikel: Denken Sie, in 50 Jahren wird das Bargeld als Zahlungsmittel Nr. 1 in Europa abgeschafft sein?

Rutzka-Hascher: Was in 50 Jahren ist, kann niemand wissen. Ich bin mir aber sicher, dass das Bargeld aufgrund seiner unbestreitbaren Vorzüge beim Zahlen auf absehbare Zeit eine wichtige Rolle spielen wird: Seine Nutzung ist einfach, schnell und bequem. Und es bietet Privatsphäre und kommt ohne technische Hilfsmittel aus. Die Bundesbank bekennt sich daher auch ganz klar zum Bargeld. 

Honikel: Vielen Dank für das wirklich informative Gespräch.





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